Fahrberichte Genesis

Genesis GV70 im Test: Komfortabler Premium-Koreaner

Submarken oder Modellreihen zur eigenen Marke erheben hat aktuell Konjunktur. Aus der Sportabteilung von Seat ging 2018 Cupra hervor, die extrovertierteren, luxuriöseren Modelle von Citroen laufen nun mit dem DS-Label vom Band und auch Genesis wurde 2015 vom Hyundai-Konzern zur eigenen Marke erhoben. Das Ausrichtung von Genesis ist dabei klar: Luxuriöse Fahrzeuge bauen, die den deutschen Premiumherstellern Konkurrenz machen. Damit das klappt bietet Genesis verschiedene Modelle in der gehobenen Mittelklasse sowie Oberklasse an. Nach dem Test des SUVs GV80 steht uns heute für zwei Wochen der kleine Bruder GV70 zum Test zur Verfügung.

Der Genesis GV70 erstreckt sich auf 4,72 Meter Länge und tritt damit gegen BMW X3 (ca. 4,70m), Audi Q5 (ca. 4,63m) oder Mercedes-Benz GLC (ca. 4,67m) an. Wir fahren den GV70 mit 2,2 Liter Dieselmotor und 210 PS, der die recht potente Basismotorisierung darstellt. Leider verzichtet Genesis in Europa auf einen standesgemäßen Sechszylindermotor, alternativ wird lediglich ein Vierzylinder-Benziner (304 PS) angeboten. Wer mehr Leistung möchte muss zum 490 PS starken Elektro-GV70 greifen.

Aber wir wollen nicht meckern: Auch mit 210 PS Diesel fährt der GV70 gut, doch dazu später mehr.

Genesis GV70 Front-Seitenansicht

In der Ausstattungslinie „Sport“ trägt der GV70 größere (Fake)-Lufteinlässe. Die Form des Kühlergrills zitiert in Kombination mit dem Tagfahrlicht das Genesis-Logo. Die Außenfarbe ‚Brunswick Green‘ für 1240€ erinnert an das typische ‚british racing green‘.

Genesis GV70: Stattlicher Auftritt

Beginnen wir lieber klassisch beim äußeren Auftritt. Unser Testwagen trägt die Ausstattungslinie ‚Sport‘ mit großen Lufteinlässen vorne und ist in ‚Brunswick Green‘ (1240€), einem Mattlack lackiert. Die Farbe erinnert an das klassische ‚british racing green‘ und steht dem Genesis hervorragend – auch wenn er in Südkorea vom Band läuft. Auch sonst finden sich im Exterieur einige britisch anmutende Akzente, etwa die Rückleuchten die entfernt an Fahrzeuge von Aston Martin erinnern. Der große Kühlergrill an der Front könnte dank des Karomusters dagegen auch in einem Bentley verbaut sein. Die Form des Kühlergrills zitiert dagegen (in Kombination mit den Scheinwerfern) das Genesis-Logo. Auch im Innenraum gibt es mit den gegenläufigen Skalen für Geschwindigkeit und Motordrehzahl eine Parallele zu Aston Martin. Ansonsten ist der GV70 mit einer abfallenden Fensterlinie gefällig gestaltet, die serienmäßigen 19“-Felgen würden wir allerdings zugunsten einer etwas sportlicheren Optik und auf Kosten des Komforts gegen die aufpreispflichtigen 21-Zöller tauschen.

Wer anstelle der bei uns verbauten Sport-Line eine andere Ausstattungslinie wählt erhält dazu noch zahlreiche Chromapplikationen, welche bei unserem Testwagen in Hochglanz-schwarz ausgeführt sind. Übrigens: Auf (peinliche) Auspuffblenden verzichtet unser Genesis, die Endrohre sind unauffällig hinter der Heckstoßstange angebracht. Wer den Benziner wählt erhält aber (etwas große) echte Endrohre. Eine nicht-repräsentative Umfrage im Familien- und Freundeskreis bescheinigt dem GV70 insgesamt eine gelungene Fahrzeuggestaltung.

Doch Optik allein genügt nicht, um gegen die Platzhirsche aus Deutschland zu bestehen. Dafür braucht es neben geschliffenem Fahrverhalten auch umfangreiche Assistenzsysteme, gute Verarbeitung und Materialqualität sowie ein einfach bedienbares Bordsystem.

Genesis GV70 Heckansicht

Am Heck greift Genesis die Tagfahrlichtsignatur wieder auf. Unser Testwagen mit Dieselmotor verzichtet zum Glück auf Auspuffblenden, was für einen dezenten Auftritt sorgt.

Innenraum in Reichweite zur deutschen Konkurrenz

Nehmen wir also Platz im GV70 und lassen den Blick schweifen. Abgesehen von den Sitzbahnen, die optisch an Sportschuhe erinnern und aus Kunstfaser gefertigt sind, ist der Genesis serienmäßig großflächig mit Leder ausgekleidet und mit weißer Kontrastnaht gesteppt. Dazu gesellen sich einige Elemente in Aluminium und Aluminiumoptik, was insgesamt stimmig wirkt. Nur beim BMW-ähnlichen Controller werden wir in Sachen Materialanmutung enttäuscht. Während BMW beim iX Glas für den Controller nutzt, besteht das Pendant im Genesis nur aus Kunststoff. Das fühlt sich etwas billig an. Auch die Kontrastnaht des Armaturenbretts geht nicht ganz exakt in die Türen über. Wobei das meckern auf hohem Niveau ist.

Insgesamt ist die Verarbeitung im Innenraum gut, doch an Details muss Genesis noch feilen. Beispielsweise am Übergang der Doppelnaht vom Armaturenbrett zur Türverkleidung, die leicht verschoben ist. Das ist allerdings meckern auf hohem Niveau.

Ebenfalls auf hohem Niveau sind die sehr bequemen, vielfach elektrisch verstellbaren Sitze mit Sitzlüftung und -heizung (Serie). Allerdings erhält nur der Fahrer die maximale Funktionsvielfalt mit elektrischer Sitzlängen- und Wangenverstellung (Sitzkomfortpaket vorne, 1860€). Serienmäßig an Bord ist dagegen der 14,5“ große Zentralbildschirm über den sich zahlreiche Funktionen, bis zur Abschaltung der induktiven Ladeschale (Technikpaket), nutzen lassen.

Die Bedienung von Klimaanlage und Zentralbildschirm geht leicht von der Hand. Während Lenkrad und Klimasteuerung teilweise mittels Touch-Eingabe bedient werden, setzt Genesis beim Infotainment auf einen Dreh-Drück-Steller.

Zuhause auf der Autobahn

Nun aber fix den Motor gestartet und das serienmäßige 8-Gang-Automatikgetriebe mit dem runden Drehregler (Grüße an Jaguar) auf ‚D‘ gestellt. Leise setzt sich der GV70 in Bewegung, der Motor lässt sich kaum vernehmen. Auch beim ersten Beschleunigen hält sich der Diesel angenehm zurück. Dafür setzen sich die sehr schnell und stets passend schaltende Automatik sowie das komfortable Fahrwerk in Szene. Der GV70 bügelt Bodenwellen mit Hilfe der Frontkamera, welche die Fahrbahn scannt, zuverlässig glatt.

Damit wird der Charakter des Genesis recht schnell klar. Lieber gemütlich dahingleiten als betont sportlich fahren. So bleibt der GV70 auch auf der Autobahn angenehm ruhig, Windgeräusche lassen sich erst ab Tempo 160 vernehmen. Theoretisch ist auch Tempo 215 möglich (Tacho 227 km/h), doch dafür braucht der Genesis viel Anlauf. Denn der Motor bietet für die gut zwei Tonnen Leergewicht ordentliche, aber nicht unbedingt sportliche Fahrleistungen. Deswegen ist der serienmäßige Allradantrieb eher als Statussymbol bzw. für den theoretisch mögliche Ausflug ins Gelände zu sehen. Häufiger dürfte der GV70 dagegen für die Urlaubsreise genutzt werden.

Genesis GV70 Tacho

Mit Technikpaket (4610€) stellt der GV70 Informationen im Tachodisplay mit leichtem 3D-Effekt dar – das kennen wir sonst nur von Mercedes-Benz. Die gegenläufigen Zeiger kennt man sonst dagegen eher von Aston Martin.

Umfangreiche Assistenz im GV70

Damit das Reisen gut gelingt ist unser Testwagen mit dem Technikpaket (4610€) ausgestattet, das sämtliche bei Genesis verfügbaren Fahrassistenzsysteme beinhaltet. Dazu zählen unter anderem der gut funktionierende Spurhalteassistent für die Autobahn (HDA2), das helle Headup-Display, eine 360°-Kamera und Matrix-LED-Scheinwerfer. Dank Technikpaket ebenfalls an Bord ist der Tacho mit 3D-Effekt, der Informationen mit etwas räumlicher Tiefe darstellt.

Beim Spurwechselassistent wird dann die Konzernverwandtschaft deutlich, denn hier blendet der GV70, genau wie bei Kia, das Kamerabild der Nebenspur im Tacho ein. Der Fahrer wird also gut umsorgt und kann sich beispielsweise der Bedienung des Infotainmentsystems widmen, das in ähnlicher Weise auch bei Kia verbaut wird. Die Verwandtschaft fällt beispielsweise bei der guten Bedienlogik oder bei der Navigation ins Auge. Neu im Vergleich zu Kia ist dagegen das Soundsystem des US-Herstellers Lexicon (870€), das räumlich sauber auflöst. Den letzten Bass-Punch lässt das System allerdings, genau wie tiefergehende Einstellmöglichkeiten, vermissen. Lexicon hält sich sozusagen an die „elegante“ Fahrzeugphilosophie.

Die Assistenzsysteme des GV70 ähneln denen des GV80, welche wir bereits hier im Video getestet haben.

Auf dem hoch aufragenden Mitteltunnel thront der Getriebe-Drehknopf (rechts) sowie der Dreh-Drücksteller (links) für den Zentralbildschirm. Beide fassen sich leider recht billig an.

Tolles Preis-Leistungs-Verhältnis, schwieriger Bezug

Hat der Genesis GV70 also das Zeug um mit der deutschen Konkurrenz mitzuhalten? Nun, der GV70 fährt geschliffen und leise, die Verarbeitung ist gut, die Assistenzsysteme und Bedienung sind konkurrenzfähig. Der Verbrauch durch die Stadt, über Land und die Autobahn gemittelt mit etwa 8 Litern auf 100 Kilometer ist okay, aber nicht rekordverdächtig. Spätestens beim Preis wird die Sache allerdings interessant: Unser gut ausgestatteter Testwagen kostet laut Liste 62.100€, inklusive fünf Jahren Service und Garantie. Ein etwa vergleichbar ausgestatteter BMW X3 20d (190 PS, Allrad) kostet über 10.000€ mehr.

Problematischer ist da eher, dass man Fahrzeuge der Marke Genesis aktuell nur an einem Standort in Deutschland, im ‚Genesis Studio München‘, begutachten kann. Zudem scheint die Kontaktaufnahme und Fahrzeugbestellung nach Erfahrungen aus erster Hand nur sehr dürftig zu funktionieren. Hier wird Genesis dem eigenen Premiumanspruch (noch) nicht gerecht.

Die Konfiguration unseres Testwagens gibt es hier als PDF-Datei.

Technische Daten Genesis GV70 (2.2 Diesel, AWD):

BeschreibungDaten
Hubraum2151ccm
Leistung bei Drehzahl154kW / 210PS bei 3800 1/min
Drehmoment bei Drehzahl440Nm bei 1750–2750 1/min
Getriebe8-Gang-Automatik
Beschleunigung 0-100km/h7,9s
Höchstgeschwindigkeit215km/h (gemessen: 227km/h Tach)
AntriebsachseAllradantrieb, elektronische Sperrdifferenzial Hinterachse (optional)
Abmessungen (Länge x Breite x Höhe)4,72m x 1,91m x 1,63m
Gewicht (leer)2010kg
Erzielter Testverbrauch6,5 - 10,3L/100km
Preis (Basis / Testwagen) inklusive Überführungskosten48.880 / 62.100€

Über den Autor

Jonas Braunersreuther

Autor Jonas Braunersreuther interessiert sich von Kindesbeinen an für sportliche Autos und Zweiräder sowie neue Entwicklungen auf dem Automobilmarkt.

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