Fahrberichte Volkswagen

Volkwagen T-Roc R Facelift im Test: Teurer Hochbein-Sportler

Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Im Jahr 2013 sitzt der damalige VW-Konzernvorstand unter Leitung von Martin Winterkorn zusammen und grübelt. Der Golf 7 ist seit einiger Zeit auf dem Markt, aber die Kundschaft verlangt immer öfter nach SUVs, in denen man höher sitzt und komfortabel ein- und aussteigen kann. Von diesen Modellen hat VW zu diesem Zeitpunkt bereits den Tiguan und den Touareg im Verkauf. Dazu kommt der Pickup Amarok. Problem der drei Modelle: Sie sind mindestens 4,42 Meter lang und damit eigentlich zu groß für die Kompaktklasse, in der VW die meisten Autos verkauft. Was also tun? Ein kompaktes SUV muss her, als Pendant zum Golf. Und wenn man schon dabei ist eine neues Modell zu entwickeln, warum nicht gleich ein stylisches SUV-Coupe alias BMW X6 entwickeln?

Der Name muss natürlich modern sein, das T (von den SUVs Tiguan und Touareg) ist gesetzt. Und eine Referenz zur Geländegängigkeit muss es geben, am Besten in Englisch. ‚Rock‘, also ‚Felsen‘, kommt dem Vorstand in den Sinn. Um den Namen nicht zu offensichtlich erscheinen zulassen wählt man aber nur den Wortteil „Roc“. Der Name „T-Roc“ ist geboren.

Dir R-spezifische Außenfarbe „Lapiz Blue“ mit schwarzem Dach (1310€) steht dem T-Roc ausgezeichnet, genau wie die R-Felgen „Estoril“ im 19-Zoll-Format (845€). Sonstige R-Merkmale: Vertikales Tagfahrlicht und horizontale Streben im Kühlergrill (auch bei R-Line) sowie eine vierflutige Abgasanglage am Heck.

So oder so ähnlich muss das gelaufen sein, denn 2017 kündigt VW stolz die Serienversion des T-Roc als neues ‚expressiv designtes Crossover‘ an (hier unser Testbericht zum Vor-Facelift). Und die Kundschaft kaufte. Im Jahr 2018 wurden in Deutschland aus dem Stand über 35.000 T-Roc zugelassen, seitdem liegen die Zulassungszahlen in Deutschland stets über 50.000 Fahrzeuge pro Jahr. Global hat Volkswagen mittlerweile sogar über ein Million T-Roc ausgeliefert.

Optische und technische Neuerungen beim T-Roc R Facelift

Um der gesetzteren, sportlich orientierten Kundschaft ebenfalls ein Angebot machen zu können wurde dann 2019 noch der T-Roc R mit 300 PS vorgestellt – das Label GTI blieb (und bleibt auch weiterhin) dem Golf und Polo (sowie kurzzeitig dem up!) vorbehalten.

Vor genau einem solchen T-Roc R stehen wir nun im Jahr 2022, allerdings vor der frisch überarbeiteten Version. ‚R‘ steht hier für Volkswagen R, eine Abteilung von VW, die den Anspruch hat Autos zu bauen die im Alltag gut funktionieren, aber mit denen man gleichzeitig am Wochenende auf die Rennstrecke kann. Mal sehen, ob der T-Roc R dieses Versprechen einlöst.

Mit dem Facelift hat Volkswagen den Innenraum qualitativ aufgewertet, hier kommen nun mehr unterschäumte Kunststoffe zum Einsatz, dazu ist der digitale Tacho serienmäßig an Bord. Trotzdem bleibt der T-Roc qualitativ weiterhin hinter dem Golf zurück. So gibt es beim T-Roc beispielsweise nur in der ersten Reihe eine einfarbige Ambientebeleuchtung, die beim ‚R‘ im R-typischen blau leuchtet. Beim Golf lässt sich hier vorne und hinten gegen Aufpreis aus dreißig Farben wählen. Auch eine Sitzbelüftung oder ein Head-up Display fehlen beim T-Roc.

Gegen Aufpreis (2300€) gibt es im T-Roc einen elektrisch einstellbaren Fahrersitz sowie auf allen Plätzen und Türen mit Nappaleder-Bezug und „Carbonoptik“ – eine Sitzlüftung fehlt im Vergleich zum Golf R allerdings.

Aufgewertet hat Volkswagen beim Facelift allerdings die Assistenzsysteme. Der T-Roc kann nun auf Wunsch aktiv die Spur halten (IQ.Drive, 625€). Zudem gibt es nun adaptive LED-Scheinwerfer (im IQ.Drive-Paket für 625€ enthalten). Die Funktionalität der IQ.Light-Scheinwerfer haben wir bereits hier im Video getestet.

Im Exterieurbereich hat Volkswagen ebenfalls Hand angelegt und liefert das Facelift nun mit einer neuen Heckleuchtengrafik und dynamischem Blinker am Heck (Serie beim R) aus. An der Front gibt es außerdem ein beinahe durchgehendes LED-Band. Das kennen wir auch schon von Polo, Golf oder Arteon.

Der Antriebsstrang bleibt technisch praktisch unangetastet

Der Motor des T-Roc R bleibt dagegen unangetastet, wobei 300 PS, 400 Nm, 7-Gang-DSG und Allradantrieb standesgemäß wirken (Golf R: 320 PS, 420 Nm). Allerdings sei hier angemerkt, dass der T-Roc mit dem Facelift nicht den aufwendigeren Allradantrieb mit Drehmoment-Splitter an der Hinterachse erhält, wie er beim Golf R oder Audi RS3 verbaut wird. Auch am großen DSG-Wahlhebel hält Volkswagen beim Facelift fest.

T-Roc R Interieur

Der Tacho kommt beim Facelift immer als Bildschirm, das Infotainment mit 10,25″ muss dagegen mit 1135€ bezahlt werden. Für die lapisblauen Zierleisten verlangt VW faire 125€.

Wir starten den Test im Alltag und wählen hier den Fahrmodus ‚Comfort‘. Schließlich soll ein ‚R‘ auch beim Brötchen holen funktionieren ohne zu große Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der T-Roc fährt hier sehr gediegen, das Getriebe nutzt das relativ früh anliegende Drehmoment und das Auto gleitet dahin. Wobei das Fahrwerk mit adaptiven Dämpfern (1045€) durchaus eine gewisse Härte an den Tag legt. Einen Anteil haben daran aber sicherlich auch die optionalen 19“-Felgen (845€). So lässt sich der Alltag gut bestreiten. Daran haben auch das inzwischen recht flüssige Infotainment-System auf MIB3-Basis (Discover Pro, 1135€) und das ordentliche, aber nicht herausragende Beats-Soundsystem (500€) ihren Anteil. Der Verbrauch pendelt sich im Alltag auf der Autobahn gemütlich gefahren zwischen sechs und sieben Litern ein. In der Stadt liegt der Verbrauch bei um die acht Liter Super Plus auf 100 Kilometer.

T-Roc (R): Leichte Abstriche beim Alltagsnutzen

Weniger gut gelingt dagegen das Beladen der Kofferraums hinter der elektrisch öffnenden Heckklappe, beispielsweise beim Getränkemarkt. Hier verhindert die abfallende Hecklinie die Nutzung des gesamten Kofferraums, da unsere Getränkekästen etwas zu hoch sind. Stehen die Kästen zu nahe an der Kofferraumkante schließt der Kofferraum nicht mehr. Hier schlägt der Faktor Style den Alltagsnutzen.

Ansonsten ist der T-Roc auch als ‚R‘ ein typischer Volkswagen: Kennst du einen kennst du alle. Das Cockpit folgt der aktuellen Volkswagen-Philosophie, einschließlich des Lenkrads mit Touch-Tasten. In der zweiten Reihe sind die Platzverhältnisse ähnlich wie im aktuellen Golf 8 und damit für Menschen bis etwa 1,80 Meter langstreckentauglich. Nur eine dritte Klimazone fehlt hier – das macht der Golf besser. Immerhin setzt Volkswagen auf die neue Klimasteuerung aus dem Tiguan. Diese funktioniert deutlich besser als die unbeleuchteten Touch-Tasten im aktuellen Golf 8.

Also Haken an das Kapitel ‚Alltag‘ und weiter zum ‚R-Modus‘. Schließlich kauft man einen ‚R‘ nicht, um damit nur im Alltag dahin zu schleichen. Als nettes Gimmick lässt sich der scharfe Fahrmodus ‚R‘ durch starken Druck auf die entsprechende Taste am Lenkrad anwählen. Nun schaltet der T-Roc ein bis zwei Gänge herunter, das Fahrwerk strafft sich, Gasannahme und Lenkrad arbeiten direkter. Gleichzeitig öffnen die Abgasklappen der optionalen Akrapovic-Abgasanlage (3975€) und der T-Roc R tönt lauter in der Umgebung sowie (künstlich) im Innenraum.

T-Roc R Akrapovic

Für knapp 4000€ rüstet VW den T-Roc R mit einer Abgasanlage aus dem Akrapovic aus. Schön anzusehen, aber akkustisch im Vergleich zur Konkurrenz eher zurückhaltend.

T-Roc R: Sportler im Sport-Sakko

Mangels Rennstrecke lassen wir den T-Roc auf der Landstraße von der Leine und sind positiv überrascht. Klar, Traktionsverlust ist dank Allrad kein Thema, das war so zu erwarten. Wie der Testwagen aber trotz hohem Karosserieaufbau um die Ecke geht dagegen schon. Scheitelpunkt anvisieren und ab dort voll auf’s Gas, der Allrad regelt den Rest. In längeren Kurven spielt dann sogar das Heck leicht mit ohne allerdings bösartig auszukeilen. Wir erinnern uns: Den Torque-Splitter mit „Drift-Mode“ gibt es nur im Golf R. Wer am Kurveneingang dagegen zu schnell ist erntet, ebenfalls VW-typisch, untersteuern, was dem R-Treiber auch relativ transparent in der Lenkung mitgeteilt wird. Also lieber erst am Scheitelpunkt beschleunigen und das Heck miteinbeziehen. Überraschend ist auch, dass der T-Roc bei der fröhlichen Kurven-Hatz kaum wankt, obwohl VW klassentypisch auf einen aktiven Wankausgleich verzichtet.

Fairerweise sei hier angemerkt, dass andere Hersteller hier etwas mehr Show bieten, etwa härter federn oder lauter aus dem Auspuff knallen. Der T-Roc R bleibt auch zügig gefahren mehr ein Sportler im Sportsakko, der nie so richtig die Fassung verliert und stets darum bemüht ist gute Manieren zu zeigen. Lediglich bei Verbrauch schlägt der T-Roc R über die Stränge. Artgerecht bewegt fließen 12 Liter und mehr durch die vier Brennräume.

Mangels Rennstrecke fühlen wir dem ‚R‘ auf der Landstraße auf den Zahn – und sind positiv überrascht.

Dass die 300 PS und 400 Nm mit dem Leergewicht von knapp 1600 kg relativ leichtes Spiel haben muss hier eigentlich nicht extra erwähnt werden. Das untermauert auch die Sprintzeit von 4,9 Sekunden auf Tempo 100. Allerdings macht sich ab Tempo 200 der Luftwiderstand durchaus bemerkbar. Trotzdem lief unter Testwagen mit genügend Anlauf auf der Autobahn laut Tacho 266 km/h. Erfahrungsgemäß regelt VW sowieso elektronisch bei 267 km/h ab. Die Fahrstabilität ist dabei auch bei höheren Geschwindigkeiten unproblematisch.

Hoher Preis für den alltagstauglichen Sportler

Was bleibt also vom T-Roc R? Je nach Fahrmodus fährt der R geschliffen im Alltag oder überraschend, aber etwas unspektakulär, schnell. Dabei hält er allerdings sowohl bei der Materialqualität als auch beim Antriebsstrang noch etwas Abstand zum Golf R.

Trotzdem will der T-Roc R teuer bezahlt werden. Los geht’s im Konfigurator derzeit ab 49.445€. Unser Testwagen erfordert dagegen eine noch dicker gefüllte Brieftasche und rollt für stolze 61.270€ vom Hof des Händlers. Da ist ein Cupra Formentor VZ5 mit dem deutlich emotionaleren 5-Zylinder-Motor preislich schon fast in greifbarer Nähe (ab 64.785€). Von einem Hyundai Kona N (Vollausstattung 42.320€) ganz zu schweigen.

Hier gibt es die Testwagen Konfiguration als PDF-Datei.

Technische Daten T-Roc R (2022)

BeschreibungDaten
Hubraum1984ccm
Leistung bei Drehzahl221kW / 300PS bei 5300-6500 1/min
Drehmoment bei Drehzahl400Nm bei 2000-5200 1/min
Getriebe7-Gang-DSG
Beschleunigung 0-100km/h4,9s
AntriebsachseVariabler Allradantrieb
Höchstgeschwindigkeit250km/h (gemessen 266km/h Tacho)
Abmessungen (Länge x Breite (ohne Spiegel) x Höhe4,24m x 1,81m x 1,57m
Gewicht (leer)1578kg
Erzielter Testverbrauch6,2 - 13,3L/100km Super Plus
Preis (Basis / Testwagen)49.4450€ / 61.770€

Über den Autor

Jonas Braunersreuther

Autor Jonas Braunersreuther interessiert sich von Kindesbeinen an für sportliche Autos und Zweiräder sowie neue Entwicklungen auf dem Automobilmarkt.

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