Fahrberichte NIU

Test: Zwei Wochen unterwegs mit dem NIU NGT

Zuletzt hatten wir mit BMW M850i Cabriolet, RAM 1500 und Golf GTI TCR Fahrzeuge im Test, die in der automobilen Nahrungskette eher am oberen Ende rangieren. Mit dem NIU NGT scheint da Verzicht angesagt: Zwei Räder statt vier, vier PS statt einem mittlerem dreistelligen Wert und etwa 115 kg Leergewicht statt über 1,4 Tonnen aufwärts. Unser Test des Elekto-Topmodells von NIU.


NIU sagt Ihnen nichts? Der Hersteller wurde 2014 in China gegründet und bezeichnet sich selbst als weltweiter Marktführer im Bereich Elektroroller. Mittlerweile hat NIU weltweit über 810.000 Roller (Stand Q2/2019) verkauft – nicht schlecht! Außerdem wurden inzwischen über eine Milliarde Kilometer mit Rollern von NIU zurückgelegt, ebenfalls ein beeindruckender Wert. Schon 2017 haben wir den N1S ausführlich in Text und Video getestet.

Im Test: NIU NGT

Wir fahren das aktuelle Topmodell NGT mit einer Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h (GPS, Tacho 76 km/h) und einer Reichweite von mindestens 100 km, der uns freundlicherweise vom lokalen Händler NIU Franken zur Verfügung gestellt wurde. Das Design des NGT stammt zwar aus chinesischer Feder, den Motor mit 4 PS steuert allerdings Bosch bei. Die Leistungsangabe klingt zwar nicht gerade üppig, allerdings tritt der NGT aus dem Stand dank Elektromotor durchaus dynamisch an und erreicht die innerstädtischen 50 km/h in wenigen Sekunden. Dabei bleibt der Motor flüsterleise, nur bis ca. 30 km/h hört man ein leichtes surren, danach überdecken die Windgeräusche des Helms jegliche Motorgeräusche. Da der Roller nicht bei 45 km/h abgeregelt ist wie gängige 50er Roller oder der NIU N1S, kann man spielerisch im Stadtverkehr mitschwimmen. Der Nachteil: Um den NGT bewegen zu dürfen benötigt man mindestens die Führerscheinklasse A1.

Display NIU NGT

Während das Display tagsüber weiß leuchtet, wechselt es bei Dunkelheit in den Farbmodus. Links: Akkuanzeige, wechselt von grün (voll) auf rot (leer). Rechts: Geschwindigkeit, wechselt von blau (langsam) zu rot (schnell). Zudem wird auf eine bestehende GPS und Mobilfunkverbindung hingewiesen (rechts oben).

Fahreindrücke des NIU NGT

Der NGT bietet drei Fahrmodi, E-Save, Dynamic und Sport. Wir sind den Roller fast ausschließlich im Sport-Modus gefahren, da nur hier die maximale Leistung und die Höchstgeschwindigkeit erreicht wird (E-Save 30km/h, Dynamic 50 km/h). Zu Beginn braucht es kurz bis wir uns an den recht leichtgängigen Gasgriff gewöhnt haben, dann lässt sich der NGT sehr wendig bewegen, schließlich wiegt er nur 115 kg. Auch das Fahrwerk ist recht sportlich straff ausgelegt, vor Allem die Front spricht etwas hölzern an, sodass man auf Kopfsteinpflaster ordentlich durchgeschüttelt wird. Bei sehr dynamischer Fahrweise setzt außerdem der Seitenständer links auf, dafür muss man es aber schon sehr bunt treiben.

Die Bremsen sind dafür über jeden Zweifel erhaben. Wie praktisch jedes Elektrofahrzeug rekuperiert der NGT beim Bremsen, der Übergang zur mechanischen Bremse ist nicht spürbar. Wir vermuten, dass der NGT immer zumindest leicht mechanisch verzögert. Meist reicht der Griff zu einem Bremshebel zum verzögern, aber selbst bei einer Vollbremsung mit beiden Bremshebeln bleibt der NIU gut beherrschbar. Der NGT verfügt übrigens über ein kombiniertes Bremssystem (CBS), bei dem mit jedem Bremshebel jeweils beide Bremsen angesprochen werden.

Dynamisch: In der Farbkombination schwarz/rot macht der NIU NGT eine gute Figur. Alternativ sind die Farben weiß/rot sowie schwarz/weiß verfügbar. Serienmäßig sind alle Leuchtmittel in LED-Technik ausgeführt. (Foto: NIU)

Laden leicht gemacht

Ist die Kapazität der beiden Lithium-Ionen-Akkus von Panasonic dann nach etwa 100 km (im Sport-Modus) erschöpft lassen sich diese mit dem mitgelieferten Ladegerät in etwa 6 Stunden an der 230V Steckdose aufladen. Gut gelöst ist auch, dass sich die Akkus (Gewicht jeweils etwa 11 kg) zum Laden entnehmen lassen. Wer also nicht über den Luxus einer Garage mit Stromanschluss verfügt, kann die Akkus auch bequem in der Wohnung laden. Theoretisch kommt der NIU übrigens bis zu 170 km weit, allerdings nur im wenig alltagstauglichen E-Save Modus.

Verbesserungspotential gibt es auch

Einige Kinderkrankheiten hat der NIU NGT aber auch. Neben dem schon beschriebenen, für unseren Geschmack zu harten Fahrwerk, sind die Spiegelausleger für den durchschnittlichen Europäer etwas zu kurz geraten. So sieht man beim Blick in die Spiegel hauptsächlich die eigenen Ellenbogen und wenig vom rückwärtigen Verkehr. Vorteil: Der NIU baut sehr schmal, was beim durchschlängeln im Stau während der Rush Hour sehr von Vorteil ist. Bedingt durch die schmale Bauform war es außerdem für uns nicht möglich einen Integralhelm unter der Sitzbank zu verstauen. Dort sitzt zwar normal sowieso einer der beiden Akkus, aber auch im Ein-Akku-Betrieb (Höchstgeschwindigkeit 45 km/h) lässt sich der Stauraum so nicht für einen Helm nutzen. In die Kategorie eigenwillig fällt der Ton des Blinkers, der recht laut Ding-Dong tönt. Immerhin warnt er so unaufmerksame Fußgänger, welche sich noch nicht an die beinahe lautlosen Elektrofahrzeuge gewöhnt haben. Ansonsten ist der NIU tadellos verarbeitet. Zwar ist die Karosserie aus Gewichtsgründen komplett aus Kunststoff, aber alle Teile sind formschlüssig verschraubt. Auch jegliche Kabel sind sauber verlegt.

Der NIU NGT am Ladegerät. Leider ist auch ohne den Akku unter der Sitzbank nicht genug Platz für einen Integralhelm. Abhilfe könnte die Nutzung eines Jethelms schaffen.

Serienmäßig: Gute Ausstattung

Spendabel zeigt sich NIU bei der Ausstattung. Serienmäßig sind alle Leuchtmittel in LED-Technik ausgeführt. Ein farbiges LED-Panel als Tacho und ein etwas schwierig zu bedienender Tempomat sind ebenfalls Serie. Zur Serienausstattung zählen darüber hinaus auch ein Hauptständer sowie eine Alarmanlage mit separater Fernbedienung. Unser NGT hatte zusätzlich noch eine Smartphonehalterung sowie eine Gepäckbrücke von NIU und ein Topcase eines Fremdherstellers verbaut. Die Smartphonehalterung fixierte unser Smartphone mit 6,4″ Display sicher auch auf Straßen zweiter und dritter Güte. Damit dem Smartphone zum Beispiel während der Navigation nicht der Saft ausgeht verfügt der NIU auch über einen USB-A Anschluss. Auch über einen klappbaren Haken im Kniebereich, zum Beispiel zum Transport einer Tasche, verfügt der NGT.

Ein besonderes Feature des NGT ist außerdem, dass er immer online ist. Verbunden mit der kostenlosen NIU-App (verfügbar für iOS und Android) soll sich der Roller so jederzeit orten lassen, außerdem gibt es Diebstahlwarnungen direkt aufs Smartphone. Die Ortungsfunktion erlaubt zudem eine Überprüfung der gefahrenen Strecken über die NIU-App. Auch Software-Updates empfängt der NGT ‚over the air‘. Leider konnten wir die App mangels Freischaltung nicht selbst testen.

Preis und Unterhaltskosten

Preislich ist der NIU NGT für die gebotene Ausstattung mit 4499€ sehr günstig gelistet. Zum Vergleich: Der Traditionshersteller Vespa bietet sein Modell „Elettrica“ für über 6000€ an. Die Reichweite ist ähnlich wie beim NGT, die Höchstgeschwindigkeit allerdings auf 45 km/h beschränkt. Ebenfalls günstig ist der NGT im Unterhalt. Um die Akkus mit 4,2 kWh Kapazität vollzuladen werden etwa 1,25€ fällig, darüber hinaus entfällt dank Elektromotor der Ölwechsel.

Wer im Dunstkreis seiner Arbeitsstelle wohnt oder öfter mal auf eigener Achse in die nächste größere Stadt fahren will findet mit dem NIU NGT eine insgesamt sehr gelungene Lösung. Außerdem entfällt mit dem Elektroroller die oftmals nervenaufreibende Parkplatzsuche. Und für ein Testfahrzeug gibt es eigentlich fast kein größeres Lob als einen Tester, der sich am Ende des Testzeitraums überlegt das Fahrzeug privat zu kaufen. Auch wenn der NGT nicht so opulent wie RAM und Co ist.

Tipp: Bei diesem Modell lohnt sich der Vergleich der Leasing-Preise bei Vehiculum!

Über den Autor

Jonas Braunersreuther

Autor Jonas Braunersreuther interessiert sich von Kindesbeinen an für sportliche Autos und Zweiräder sowie neue Entwicklungen auf dem Automobilmarkt.

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