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Im Test: Fahrrad-Radar Garmin Varia RTL516

Im 3. Quartal 2020 bringt Garmin mit dem Varia RTL516 die inzwischen 3. Generation des Varia Radarsystems für Fahrräder auf den Markt. Neben der „klassischen“ Variante mit Radar und StVZO-konformem Rücklicht (RTL516) bietet Garmin nun erstmals auch eine Variante ohne Rücklicht (RVR315) an. Mit 199,99€ für das RTL516 bzw. 149,99€ für das RVR315 sind die beiden „Assistenzsysteme für das Fahrrad“ nicht gerade ein Schnäppchen, sollen aber die Sicherheit für Radfahrer im Straßenverkehr deutlich erhöhen. Wir hatten die Möglichkeit das RTL516 über mehrere Wochen ausgiebig zu testen.


Fast jeder (Renn-)Radfahrer hat diese Situation vermutlich schon einmal erlebt: man ist auf einer schönen Feierabendrunde auf ruhigen einsamen Landstraßen unterwegs, der Fahrtwind pfeift um den Helm und man erfreut sich dem Rausch der Geschwindigkeit. Plötzlich wird man von einem Auto mit hoher Geschwindigkeit überholt, erschrickt einen kurzen Moment und verreißt kurz den Lenker, was im schlimmsten Falle zu einem bösen Sturz führen kann, mindestens aber ein ungutes Gefühl hinterlässt. Um solche Situationen zu vermeiden und den Radfahrer frühzeitig zu warnen, hat Garmin das Radarsystem Varia vor einigen Jahren entwickelt. Während sich die 1. Generation (RTL501) und die 2. Generation (RTL511) der Varia Radargeräte vor allem optisch unterscheiden, sind die Veränderungen zur 3. Generation (RTL516) vor allem im Inneren des Gerätes zu finden.

Hardware, Daten & Befestigung

Garmin Varia RTL516 Lieferumfang

Die Größe des RTL516 beträgt 39,6 mm x 98,6 mm x 19,7 mm bei einem Gewicht von 72g, was auch bei langen Touren in den Alpen somit kaum ins Gewicht fällt und den (Kletter-) Quotient Watt pro Kilogramm nicht signifikant erhöht. Aufgrund der länglichen Gehäuseform lässt sich das Varia Radar formschön hinter der Sattelstütze verstecken, sodass es sowohl optische einen sehr aufgeräumten Eindruck hinterlässt, als auch aerodynamisch kaum negativen Einfluss hat. Die Befestigung erfolgt Garmin typisch mit einem Quarter-Mount-Mechanismus, welcher auch bei allen gängigen Edge-Modellen verwendet wird. Um den Adapter sowohl an klassischen runde Sattelstützen als auch Aerosattelstützen befestigen zu können, liefert Garmin drei Gummieinsätze mit, sodass das Varia Radar flexibel an allen Rädern des Fuhrparkes befestigt werden kann. Das Gehäuse besitzt nur eine einzige Taste, mit welcher das Varia RTL516 ein- bzw. ausgeschaltet wird, sowie eine kleine LED, welche über den aktuellen Status informiert. Neben den „Quick Start Guide“ liegen der Verpackung Betriebsanleitungen in diversen Sprachen, sowie ein Standard Micro-USB Kabel zum Laden und für Firmware Updates bei. Die Micro-USB Ladebuchse ist unauffällig und spritzwassergeschützt an der Rückseite unter einer Gummiabdeckung versteckt. Die Firmware Updates erfolgen per USB-Connection über Garmin Express am Computer. Während unseres mehrwöchigen Tests wurde jedoch kein neues Update von Garmin gelaunched. Der fest verbaute Akku soll laut Herstellerangaben bis zu 9 Stunden reichen, was sich während unserer Testfahrten auch bestätigt hat und eine deutlich Verbesserung gegenüber den älteren Generationen darstellt. Somit ist das Varia RTL516 nicht nur für die schnelle Feierabendrunde geeignet, sondern kann auch bei RTF (Rad-Touren-Fahrten) und Radmarathon genutzt werden, ohne sich Gedanken über die Akkulaufzeit machen zu müssen.

Koppeln mit Garmin Edge (in unserem Fall Edge 830)

Die Kopplung eines Garmin Varia RTL516 mit den Geräten der Garmin Edge-Serie erfolgt genauso wie die Kopplung von anderen Sensoren wie etwas Herzfrequenzsensor, Trittfrequenzsensor oder auch Leistungsmesser. Zunächst navigiert man auf dem Garmin Edge unter Einstellung zum Button „Sensor hinzufügen“ und wählt hier „Alle durchsuchen“ oder scrollt etwas im Menü zum Button „Radar“. In unserem Fall haben beide Buttons problemlos funktioniert und das RTL 516 wurde schnell gefunden. Die Suche via des Buttons „Radar“ brachte keine signifikante Zeitersparnis gegenüber der Suche mittels „Alle durchsuchen“. Nachdem das Radar gefunden und auch verbunden wurde, wird vom Edge automatisch ein Lichtnetzwerk erstellt. In der Sensorliste werden nun zwei neue Sensoren, dass  RTL516 und Leuchten aufgelistet und am oberen rechten Rand des Displays erscheint ein schwarzer Halbkreis mit drei weißen Strichen. Neben der Edge-Serie lässt sich das Varia-Radar auch mit einigen Uhren von Garmin, sowie mittlerweile auch Fremdgeräten wie z.B. Wahoo Element Roam verbinden. Die separate Varia-Anzeigeunit, welche in den ersten beiden Generationen noch optional verfügbar war, wurde von Garmin ausgemustert. Stattdessen lässt sich das Varia RTL516 mittels Bluetooth mit dem Smartphone (Android und iOS) koppeln. Um das RTL516 mit dem Smartphone verwenden zu können, muss die neue kostenlose „Garmin Varia-App“ aus den gängigen Appstores installiert werden.

Varia Radar mit Garmin Edge koppeln und Lichteinstellungen

 

Einstellung des Lichtnetzwerkes

Nach erfolgreicher Kopplung können über das Garmin Edge einige Einstellung bezüglich der Lichtmodi vorgenommen werden. Über den Sensor „Leuchten“ und den Button „Netzwerkoptionen“ kann man vier verschiedene Lichtmodi wählen. Wir haben das Varia RTL516 während unseres Tests fast ausschließlich im Modus „Automatisch“ betrieben, wodurch die Akkulaufzeit die angegebenen 9 Stunden auch erreicht hat. Möchte man das RTL516 lediglich als Radar und ohne Licht nutzen, so kann man über den Modus „Individuell“ den Lichtmodus ausschalten. Die Modi „Gute Sichtbarkeit“ und „Trail“ haben wir im Alltagsgebrauch nicht genutzt. Bei „Gute Sichtbarkeit“ leuchtet die rote Rückleuchte entsprechend heller, die Akkulaufzeit nimmt jedoch drastisch ab. Der Modus „Trail“ ist aus unsere Sicht im Alltagsgebrauch zu vernachlässigen, da das Radar auf klassischen Mountainbike-Trails keinen Mehrwert bietet.

Lichteinstellungen des RTL516 am Garmin Edge 830

Neben der Einstellung des Lichtmodus kann noch festgelegt werden, ob die rote Rückleuchte ab dem Zeitpunkt des Einschaltens des Gerätes leuchtet, oder erst nach Start des Timers (Beginn der Aufzeichnung einer Aktivität). Da das Garmin Varia RTL516 nach StVZO als Rückleuchte im deutschen Straßenverkehr zugelassen ist, ist es nicht möglich, die Rückleuchte im Blinkmodus zu betreiben. Die internationale Version Garmin Varia RTL515 hat diese Möglichkeit. Leider unterliegt Garmin hier dem deutschen Gesetzgeber, unserer Meinung nach würde ein Blinkmodus die Sicherheit für Radfahrer im Straßenverkehr nochmals deutlich erhöhen.

Praxistest

Während unserer Testphase hat das Garmin Varia RTL516 zuverlässig und sicher funktioniert. Die Erkennung von Fahrzeugen funktioniert sehr verlässlich und meist fehlerfrei, wenn sich ein Fahrzeug in einer Entfernung von maximal 140m befindet und sich mit einer Relativgeschwindigkeit von mindestens 10 km/h nähert. Nach Benutzerhandbuch liegt die maximale Relativgeschwindigkeit, bei welcher das Varia zuverlässig detektiert, bei 160 km/h, diesen Wert konnten und mussten wir glücklicherweise in der Praxis nicht testen. Die Erkennung funktioniert neben dem motorisierten Verkehr auch bei anderen Radfahrern, wenn diese ebenfalls die Mindestrelativgeschwindigkeit haben. Somit kann das Radar auch während Gruppenausfahrten verwendet werden, ohne dass es zu ständigen fehlerhaften Detektionen kommt. Es besteht zudem die Möglichkeit, das Varia Radar mit mehreren Headunits gleichzeitig zu koppeln, sodass bei Gruppenausfahrten jeder Teilnehmer die Informationen auf seinem Gerät erhält, obwohl nur ein Fahrrad mit einem Radarsensor ausgestattet ist.

Garmin Varia RTL516 Informationen während der Fahrt

Radar im Test: Bis 8 Fahrzeuge werden gleichzeitig detektiert

Hat das Varia ein Fahrzeug erkannt, so erscheint auf der linken Seite des Edge ein schwarzer Balken und ein weißer Punkt bewegt sich von unten nach oben. Das Varia kann bis zu 8 Fahrzeuge gleichzeitig detektieren, welche dann auch jeweils als weißer Punkt dargestellt werden und sich am Display von unten nach oben bewegen. Neben der visuellen Darstellung der beweglichen Punkte kann optional zusätzlich auch ein Warnton ausgegeben werden. Da das ständige Piepsen von uns als störend empfunden wurde, haben wir das Garmin Varia nur mit der optischen Warnung betrieben, was wir als vollkommen ausreichend empfunden haben. Abhängig von der Relativgeschwindigkeit des sich nähernden Objektes färbt sich der Rand des Displays zudem orange, rot oder dunkelrot bzw. grün wenn das Fahrzeug überholt hat und die Straße auf den nachfolgenden 140m wieder leer ist. Die Anzeige der weißen Punkte lässt sich optional für Länder mit Linksverkehr (z.B. England, Australien, etc.) auch auf der rechten Seite des Displays darstellen, sodass man optisch den Verkehr immer auf der „richtigen“ Seite wahrnimmt, auf welcher man auch überholt wird. Als sehr positiv haben wir empfunden, dass die Verkehrserkennung auch bei kurvigen Strecken problemlos funktioniert hat. Garmin gibt in den Unterlagen einen Radarwinkel von 40° an, wodurch die Radarabdeckung bei Standardkurven gut gewährleistet ist. Probleme mit der Detektion traten manchmal auf, wenn Fahrzeuge direkt hinter uns aus einer Seitenstraße abgebogen  und uns folgten. Hier passierte es manchmal, dass das Varia die Fahrzeuge nicht erkannte. In den meisten Fällen ließ sich dies jedoch auf die zu geringe Relativgeschwindigkeit zurückführen. Neigt sich der Akku dem Ende zu, so wird man mit einer Info am unteren Rand darauf hingewiesen diesen zu laden. Zudem besteht die Möglichkeit sich auf dem Edge ein Datenfeld zu erstellen, welches den aktuellen Akkustand zeigt. Somit hat man auch die Möglichkeit, das Varia-Radar frühzeitig zu laden.

Nutzung der IQ-Connect App „My Bike Radar Traffic“

Bereits seit mehreren Jahren lassen sich verschiedene Garmin Geräte mittels des Garmin IQ-App Stores personalisieren. Der App Store bietet externen Firmen oder Hobbyprogrammieren die Möglichkeit, Garmin Nutzern über eine offene Schnittstelle verschiedene Erweiterungen wie Datenfelder, Widgets und Apps meist kostenlos zu Verfügung zu stellen. Wir sind während unseres Tests auf die App „My Bike Radar Traffic“ aufmerksam geworden und konnten durch deren Nutzung den Mehrwert des Garmin Varia Radars nochmals erhöhen. Nach Installation der App auf dem Garmin Edge 830 hatten wir die Möglichkeit, ein weiteres Datenfeld, den sogenannten „VehicleCount“, zu installieren. Somit zeigt das Garmin Edge während der Ausfahrt an, wie viele Fahrzeuge uns währenddessen passiert haben. Nachdem wir unsere Standardrunde über mehrere Wochen zu verschiedenen Uhrzeiten gefahren sind, konnten wir somit feststellen, zu welcher Uhrzeit statistisch der wenigste Verkehr ist.

Datenfelder am Edge 830 für Lichtakku (=Radarakku) und VehicleCount

Ebenfalls interessante Möglichkeiten bietet die Auswertung via der Garmin Trainingsplattform „Garmin Connect“. Durch verschiedene Grafiken lässt sich zum einen die Entwicklung des Verkehrs während der Fahrradfahrt darstellen, zum anderen zeigt es die die relativen und absoluten Geschwindigkeiten der überholenden Fahrzeuge. Für uns ein interessantes Feature, jedoch zum aktuellen Stand ohne bedeutenden Mehrwert.

Zusätzliche Statistiken in Garmin Connect

Die Website http://mybiketraffic.com bietet zudem die Möglichkeit, nach Erstellung eines Kontos die aufgezeichneten FIT-Dateien hochzuladen, um dort weitere Visualisierungen zu erhalten. So lässt sich auf einer Karte darstellen, wann und wo man von einem Fahrzeug überholt wurde, durch einen Klick auf das entsprechende Fahrzeug lässt sich darüber hinaus noch dessen Geschwindigkeitsentwicklung darstellen.

Auswertung der Radfahrt mit http://mybiketraffic.com

 

Möglichkeiten und Verbesserungspotenzial:

Was uns im Zusammenhang mit der App „My Bike Traffic Radar“ wundert, ist die Tatsache, dass Garmin selbst diese sich bietenden Möglichkeiten nicht nutzt. So würde sich unserer Meinung nach anbieten, die Garmin „Heatmap“ um die Funktion „Verkehr“ zu erweitern. Derzeit besteht die Möglichkeit via Garmin Connect eigene Strecken zu planen und mit Hilfe der „Heatmap“ darstellen zu lassen, wie beliebt verschiedene Straßen bei Radfahrern sind und wie häufig diese bereits befahren wurden. So lässt sich vermeiden, dass man in unbekannten Regionen plötzlich und ungewollt auf viel befahrenen Bundes- /Hauptstraßen landet und stattdessen lassen sich einige Geheimtipps finden. Durch die Implementierung einer Verkehrsfunktion ähnlich wie es bereits Google Maps bietet, könnte diese Funktion noch weiter aufgewertet werden.
Eine weitere Möglichkeit, welche wir uns bei zukünftigen Generationen vorstellen könnten, wäre die Integration einer Dashcam im Varia Radar. Nähert sich ein Fahrzeug, so aktiviert das Radar die Dashcam, welche dann für die Zeitspanne des Überholvorganges ein Video aufzeichnet. Handelt es sich beim Überholvorgang um ein gefährliches Manöver oder wird der Mindestabstand von 1,5m innerorts bzw. 2,0m außerorts nicht eingehalten, hat man somit inklusive der bereits jetzt gemessenen Metriken die Möglichkeit, mit den entsprechenden Daten gegen den Überholenden vorzugehen. In Anbetracht der Tatsache, dass laut Verkehrsstatisik im Jahr 2020 die Zahl der Fahrradverkehrstoten einen Höchststand erreicht hat, könnte eine derartige Technologie zur weiteren Sicherheit beitragen.

Fazit

Mit dem Garmin Varia Radar RTL516 bietet Garmin ein Sicherheitszubehör für das Radsport-Training oder die Radtour auf der Straße. Die Erkennung und Warnung funktioniert zuverlässig und hinterlässt zumindest subjektiv ein besseres Gefühl. Statistikfans können mittels zusätzlicher Apps weitere Daten erheben. Der Preis ist angemessen, sparen lässt sich, indem man auf das Rücklicht (RVR315) verzichtet. Hat man das Garmin Varia Radar noch nie genutzt, so wird man auch weiterhin nichts während seiner Radtouren vermissen. Nach mehrmaliger Nutzung und den positiven Erfahrungen möchten wir das RTL516 jedoch nicht mehr auf unseren Touren missen.

Disclaimer: Das Garmin Varia RTL516 wurde von Garmin für den Testzeitraum von 3 Monaten kostenlos zur Verfügung gestellt und muss nach Beendigung des Testzeitraumes wieder abgegeben werden. Der Artikel beruht auf den eigenen Erfahrungen des Autors und wurde von Garmin nicht finanziell unterstützt.

Über den Autor

Christoph Argauer

Autor Christoph Argauer studierte Automotive und Mechatronik an der Universität Bayreuth. Noch lieber als per Auto ist er in seiner Freizeit auf zwei Rädern unterwegs!

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