Feudales Understatement: Bentley Bentayga V8 Diesel

223.000 € für eine Konzernplattform mit Bentley Logo? Gerade, da wir nur den “kleinen” V8 Diesel Fahren, kann einen eine viertel Million Euro schnell mal umhauen. Der Bentley Bentayga unterscheidet sich aber deutlich von seinen Konzernverwandten: Nahezu alle Schritte bei der Produktion werden in Handarbeit ausgeführt. Vom Einbau des Motors bis zu jedem einzelnen Stich der Kontrastnähte. Außerdem gibt es vermutlich keine luxuriöseste Art auf der Langstrecke zu reisen.


Nahezu alle Schritte in Handarbeit fürs luxuriöseste SUV-Interieur der Welt
Das Einsteigen in den Bentayga eröffnet ein Raumgefühl, wie es besser nicht sein könnte. Wir haben vor einem Jahr beim an der 100.000 € Marke kratzenden Volvo XC90 schon sehr gestaunt. Die Briten zeigen im Bentayga aber nochmal eine ganz andere Dimension. Kein Minimalismus, dafür feudale Lederpanele und Türen, deren Breite bei den Fenstern größer scheint als in manchen Häusern die Fensterbretter. Alles fühlt sich maximal massiv und dadurch ungemein sicher und auch wohnlich an. Zu den Sitzen selbst muss man nicht viel Worte verlieren, besser sitzt es sich definitiv bei keinem Mitbewerber. Das Cockpit ist eine Mischung aus bekannt praktischen Elementen des VW Konzernregals gepaart mit Luxus pur. So kennt man die stylischen Regler für die Klimaautomatik aus aktuellen Audi Modellen. Besonders hat uns gefallen, dass das Interieur des Bentayga wesentlich moderner ausgefallen ist als z.B. die letzte Generation des Bentley Continental.

Cockpit wird digitaler und ergnomischer
Unsere Mischung aus verschiedenen Lederfarben und australischem Eukalyptusholz kann man sich schwer satt sehen. Auch nach mehreren Tagen fallen immer wieder neue Nähte und Details auf. Alle Stiche, Bentley nennt sie im Konfigurator Contrast Stiching, werden von Hand vorgenommen. Und hier liegt auch einer der Hauptgründe für den horrenden Kaufpreis: Die Kontrastnähte am Lederlenkrad werden nach dem Nähen einzeln mit einer Gabel perfektioniert. Die unglaubliche Verarbeitungsqualität fühlt man einfach im Vergleich zu maschinell genähten Elementen ganz deutlich. Neben der kunstvollen Lederverarbeitung ist der Bentayga aber auch ganz digital im Jahr 2017 angekommen. Inmitten der analogen Tachozeiger gibt es nun eine große, digitale Multifunktionsanzeige, die hochauflösend und sehr übersichtlich daherkommt. Im Gegensatz zu früheren Modellen hat der Bentayga nun Shift-by-Wire für die ZF-Automatik an Bord. Lenkstockhebel sind ebenfalls von Audi bekannt und passen sich im Design perfekt ins Interieur ein. Lediglich die Tasten in der Mittelkonsole aus Eukalyptusholz erinnern noch an frühere Zeiten.

Upgrade in die First Class: Im Fond genauso luxuriös wie vorne
Kaum in einem anderen Bentley spielt Platz eine so große Rolle wie im Bentayga. Auf der Rückbank hat man zwar nicht ganz so viel Platz, wie die Dimensionen des Bentayga es von außen vermuten lassen, umso luxuriöser ist aber der Sitzkomfort. In unserem Setup als 4-Sitzer bieten die beiden hinteren Sitze kein bisschen weniger Komfort als vorne. Sitzlüftung und -Heizung sind verfügbar, eine Massagefunktion und auf Wunsch lässt sich auch der Beifahrersitz nach vorne fahren – wenn der Bentayga eben mit Chauffeur bewegt wird. Zudem gibt es optional zwei großzügig dimensionierte Tablets fürs Entertainment, mobiles Surfen oder auch Selfies machen. Unser Highlight: Der Mechanismus der Klapp-Tischchen sowie die elektrischen Sonnenblenden, die die doppelt verglasten Seitenscheiben im Fond herausfahren lassen. Wie im A8 oder Hyundai Genesis lassen sich die beiden Sitze im Fond auch nach hinten neigen sowie nach vorne und hinten fahren.

Sitzbezüge in Farbe Newmarket Tan

V8 bewegt die 1.5 Tonnen völlig unbeeindruckt
Kaum zu glauben, dass der V8 Diesel mit 435 PS der kleinste Motor für den Bentayga ist. Der Vier-Liter Diesel wird sozusagen dreimal geladen: Ein Kompressor sowie zwei Turbolader sorgen für einen Vorschub, der über das komplette Drehzahlband schon fast unheimlich linear ist. Von 0 auf 100 sprintet er in 4,8 Sekunden – ein echtes Erlebnis bei einem Leergewicht von 2,5 Tonnen dank des Drehmoments von 900 Nm. Maximal sind 270 km/h drin, bis zu denen die Beschleunigung auch nur unwesentlich länger dauert. Das Fahrverhalten im Bentayga ist geprägt durch zwei Faktoren: Im Stadtverkehr sitzt man auf Panorama-Position und kann den Bentayga trotz seiner Ausmaße extrem geschmeidig und leicht durch München Stadtverkehr manövrieren. Gas, Automatik & Lenkung passen dann perfekt zur langsamen Geschwindigkeiten. Auf der Landstraße neigt er dank der perfekten Luftfederung kaum zu Wankbewegungen.

Bentayga Diesel in Marlin Blue mit 22 Zoll Felgen im 5 Speichen Design

Entspannter auf der Langstrecke geht nur im Privatjet
Merkmal zwei: Auf der Autobahn fühlt sich der Bentayga am meisten zuhause. Sein Spezialgebiet sind hier die Geschwindigkeiten jenseits der 200. Dank der fein abgestimmten Luftfederung und dem V8, dem die Kraft nie ausgeht, fühlen sich 250 km/h wie bei manch anderem SUV 160 an. Vibrationen, die sonst bei solch hohen Geschwindigkeiten auftreten, gibt es nicht – und das macht das Schnellfahren so unheimlich entspannt. Von 250 auf 130 km/h runterbremsen und wieder beschleunigen geschieht in wenigen Sekunden und wird deshalb nie so zu Last wie bei schwach (oder schwächer) motorisierten Schwergewichten. Mit Permanent-Autobahn-Vollgas haben wir um die 12-14 Liter verbraucht, ist man nur halbwegs effizient unterwegs, lässt sich der Verbrauch auch leicht unter 10 Liter senken.

Assistenzsysteme: Stauassistent übernimmt auch für mehrere Minuten
Seit dem Bentayga halten bei Bentley allerdings auch die neuesten Assistenzsysteme Einzug, die der VW Konzern zu bieten hat. Die ACC, die adaptive Geschwindigkeitsregelung, bildet die Basis für ein teilautonomes Fahren auf der Autobahn. Sie arbeitet im Bentayga mit zwei Radarsensorn, die sehr weit vorausblicken können. Das ermöglicht eine maximale ACC Set-Geschwindigkeit von 250 km/h. In Verbindung mit dem aktiven Spurassistenten wird auch ein fortschrittlicher Stauassistent möglich: Bei stockendem Verkehr oder Stop&Go Situationen ist der Bentayga in der Lage nahezu komplett selbst zu fahren. Erkennt er eine solche Situation, signalisiert er das per Symbol im Cockpit und übernimmt dann Lenkung und Bremse, in dem er sich an Fahrbahnmarkierungen und auch dem Vordermann orientiert. Der Bentayga kann im Gegensatz zu Audi oder VW besonders lange im Stauassistent selbst fahren, ohne dass ein Eingriff (Hände ans Lenkrad) vom Fahrer nötig ist. Vorausgesetzt, dass es sich wirklich um Staugeschwindigkeiten bis ca. 50 km/h handelt. Außerdem durchfährt er Staus (ständiges Anfahren und Bremsen) sanfter und sicherer, als man es manuell überhaupt könnte.

Es mag vielleicht bei den kompakteren Konzernmodellen zutreffen, ein Bentayga ist aber nicht mit einem Q7 oder Cayenne vergleichbar. Den markantesten Unterschied bildet dabei die Verarbeitungsqualität. Insbesondere im Interieur wird im Werk in Crewe nichts dem Zufall überlassen. Der Fahrer spürt das an der enormen Materialqualität und immer wieder an neuen Details. Wir sind letztes Jahr den Continental mit W12 Motor gefahren. Den haben wir im Bentayga trotz noch mehr Masse nicht vermisst: Mit dem V8 Diesel ist mal relativ effizient unterwegs – selbst bei dynamischen Autobahnetappen. Der Bentayga wird hierzulande nicht oft in Privatbesitz gelangen. Als exklusives Dienstfahrzeug für tägliche Langstreckeckenfahrten ist aber das perfekte SUV. Oder natürlich ganz klassisch: Als Prestigeobjekt, dessen Preis für etliche Stunden Handarbeit auch nachvollziehbar wird.

Bentley Bengayga Diesel 4.0 Liter V8

Leistung/Drehmoment 320 kW (435 PS) / 900 Nm
Getriebe:8-Gang Automatik (ZF)
Antrieb:Permanenter Allradantrieb
0-100 km/h:4,8 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit270 km/h
Leergewicht2.499 kg
Verbrauch angegeben7,9 Liter / 100 Km
Kofferraumvolumen 431 Liter
LackierungMarlin Blue
Inlays InterieurDark Fiddleback Eucalyptus
Testwagenpreis223.945 €

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Ein super interessanter Blog-Beitrag, endlich mal eine ehrliche Beurteilung von dem Bentley SUV. Man muss schon sagen das es ein ziemlich schöner Schlitten ist, der hat viel von dem Q7. Wie lange durftet ihr mit dem Bentayga fahren?

    Beste Grüße aus Berlin

    Marcel

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