Audi Fahrberichte

Audi Q8 55 e-tron: Frisch renoviert im Langsteckentest

Mit dem e-tron war Audi 2018 beim Thema vollelektrische Premium-SUVs Pionier. Doch in der Zwischenzeit gibt es neue Mitspieler auf dem Markt. Genannt seien hier insbesondere der BMW iX sowie das Mercedes-Benz EQE SUV. Nun will Audi mit dem Facelift samt neuer Namensgebung zur Konkurrenz aufschließen – oder zieht der Q8 e-tron sogar an der Konkurrenz vorbei? Wir testen die Langstrecken- und Alltagskompetenzen des frisch gelifteten Audi Q8 e-tron.

Rein äußerlich hat sich beim Facelift des Q8 e-tron wenig getan. Am Heck trägt das SUV nun eine Heckschürze mit angedeutetem Diffusor, während es an der Front immerhin ein neues Muster im elektrisch verschließbaren Kühlergrill gibt, nämlich Hexagone statt Streifen-Optik. Viel wichtiger: Unter dem Blechkleid hat Audi kräftig Hand angelegt. So wurde bei allen Motorisierungen die Akkukapazität erhöht, was für deutlich mehr Reichweite sorgt. Konkret verfügt unser Q8 55e-tron über eine nutzbare Akkukapazität von 106 kWh. Damit dürften auch im Winter und bei Tempo 130 Reichweiten von 400 Kilometer und mehr möglich sein. Audi verspricht sogar bis zu 582 km und im Mittel immerhin 521 km. Dazu trägt neben dem größeren Akku auch eine verbesserte Aerodynamik bei, der cW-Wert sinkt beim Q8 etron von 0,28 auf 0,27, beim Sportback sogar auf 0,24.

Audi Q8 e-tron Heckansicht

Am Heck des überarbeiteten Q8 e-tron hat sich wenig getan. Es bleibt hier beim durchgehenden LED-Band, nur die Heckschürze trägt nun einen angedeuteten Diffusor.

Audi Q8 e-tron: Komfortables Fahrwerk, edler Innenraum

Wir starten unseren Test im Alltag und attestieren dem Q8 e-tron erstmal eine Funktion, die er gar nicht hat: Eine Allradlenkung. Denn trotz 4,91 Meter Außenlänge fährt das große SUV im Stadtverkehr überraschend wendig durch Kurven. Der Grund dafür ist dabei aber scheinbar weniger die nicht vorhandene Allradlenkung, als die neu abgestimmte Progressivlenkung samt neu abgestimmtem, sehr komforatblem Fahrwerk. Überhaupt lässt sich der Q8 e-tron damit sehr agil fahren, die knapp 2,6 Tonnen (!) Leergewicht hat Audi überraschend gut kaschiert.

Wenig passiert ist dagegen im Innenraum. Klar, alles schön verarbeitet, offenporiges Holz (550€)  hier, feines Leder (2350€) dort. Das passt zum Oberklasse-Anspruch das Q8 e-tron. Doch bei der Displaygröße (10,1″) wie auch beim Funktionsumfang des Infotainmentsystems bieten BMW und Mercedes-Benz mittlerweile mehr. Oder, um es positiv auszudrücken: Während Audi sich an eine eher konservative Käuferschicht wendet, sollen BMW iX und Mercedes-Benz EQE SUV eher eine jüngere, technikaffinere Kundschaft ansprechen.

Dem Anspruch der Oberklasse folgenend ist unser Testwagen umfangreich mit Leder und offenporigem Holz ausgestattet. Der Zentralbildschirm fällt mit 10,1″ recht klein aus – im Audi A3 ist er übrigens genau so groß!

Anstaubte Ladeplanung im Audi

Problematisch ist die angestaubte Softwarearchitektur vor allem beim Thema Ladeplanung auf der Langstrecke. Während man etwa bei Mercedes-Benz einzelne Ladepunkte bei der Ladeplanung einfach durch wischen ausschließen kann, bietet Audi lediglich eine „Alles-oder-Nichts“-Option. Heißt: Entweder man nimmt die gesamte Ladeplanung an – oder die Planung wird vollständig verworfen. Das ist insbesondere deswegen ärgerlich, da der Q8 e-tron bei uns im Test öfter Ladepunkte deutlich abseits der Autobahn sowie von nicht namhaften Anbietern wählt und sich damit nach unserem Empfinden nicht sinnvoll nutzen lässt. Hier hilft also nur die manuelle Navigation.

Zuletzt haben wir gute Erfahrungen mit den fastned-Ladestationen gemacht, da es hier stets mehrere 300kW-Ladesäulen gibt und diese in der Regel auch funktionsfähig sind. Auf unserem 1200 km Roadtrip nutzen wir also die Google Navigation und halten uns ans fastned-Ladenetz. Womit wir beim nächsten Problem angekommen sind: Ist kein Navigationsziel im Audi-Navi gesetzt, schwankt die Restreichweite ziemlich stark. So kann die Restreichweite zwischen einer bergauf- und einer bergab-Passage auf der Autobahn schonmal um 30 Kilometer und mehr variieren. Nutzt man die Onboard-Navigation tritt das Problem dagegen nicht auf. Hier berücksichtigt der Q8 e-tron scheinbar die Topographie und gibt ziemlich präzise Restreichweiten an.

Audi Q8 e-tron Frontansicht

Theoretisch soll der Q8 55 e-tron mit bis zu 170kW laden. Mehr als 150kW schaffte unser Testwagen allerdings nicht. Optisch eifert der Q8 e-tron mit (optional, 360€) beleuchtetem Singleframe-Grill BMW nach.

Langstecke im Q8 e-tron

Nun aber zum harten Testalltag: Wir starten von Nürnberg gen Niederlande, immer entlang der A3. Theoretisch sollte uns auf der 575 Kilometer langen Strecke ein Ladestopp reichen, wir planen jedoch lieber konservativ mit zwei Stopps nach etwa 300 sowie 200 Kilometern. Wichtig zu wissen: Die Reichweite von E-Autos hängt auch von der Außentemperatur sowie den aufgezogenen Reifen ab. Hier hat es der Q8 e-tron bei uns im Test doppelt schwer: Einerseits liegt die Außentemperatur zwischen 5 und 10°C, andererseits sind Winterreifen mit dem mittelmäßigen Rollwiderstandsindex ‚C‘ montiert. Trotzdem erreicht der Q8 e-tron auf dem ersten Stint einen Verbrauch von 25,9 kWh/100km, bei einem Geschwindigkeit von etwa 130 km/h auf offener Strecke. Damit ist eine Reichweite von etwa 400 Kilometern auf der Autobahn relativ entspannt machbar.

Etwas enttäuscht sind wir dann am ersten Ladepunkt. Zwar verspricht Audi beim 55e-tron eine maximale Ladeleistung von 170 kW, mehr als 150kW erreichen wir jedoch auch an 300kW-Säulen nie in unserem gesamten Testzeitraum. Immerhin bleibt die Ladeleistung bis 70% konstant bei 150kW. So laden wir in 33 Minuten brutto 76 kWh Energie nach, was ein annehmbarer Wert ist. Die Konkurrenz, insbesondere mit 800V Bordnetz, etwa der Kia EV9, bietet hier aber mittlerweile kürzere Ladezeiten. Für das Aufladen an AC-Säulen empfiehlt es sich aufgrund des großen Akkus übrigens den 22kW-Lader (1665€) zu bestellen. Damit sinkt die Ladezeit (0-100%) im Vergleich zum serienmäßigen 11kW-Lader von 11:30h auf 6:00h. Gleichzeitig verbaut Audi eine zweite Ladebuchse (500€) auf der rechten Fahrzeugseite.

Sparsam geht auch: Gemütlich über die Landstraße erzielten wir einen Eco-Verbrauch von 22kWh/100. Macht eine rechnerische Reichweite von 481 Kilometern, trotz montierten Winterreifen.

Verbrauch: Akzeptabel, Reichweite: Ordentlich

Dafür ist der Aufenthalt an Bord ein Genuss. Audi hat unserem Testwagen die sehr bequemen Individualkontursitze (2500€) samt Massagefunktion (1550€ mit Sitzlüftung) spendiert, zudem spielt das serienmäßige Soundsystem (jetzt mit Subwoofer) überraschend gut. Dazu ist der Q8 e-tron sehr gut gedämmt (Akustikverglasung, 500€) , sodass die Innenraumgeräusche angenehm niedrig ausfallen. In Kombination mit dem serienmäßigen Luftfahrwerk gleitet der Audi damit auf der Autobahn sehr komfortabel dahin. Auch bei der Fahrerassistenz ist der Q8 e-tron gut aufgestellt und hält auf der Autobahn auch bei Regen ziemlich konsequent die Spurmitte und den Abstand zum Vordermann. So lassen sich auch längere Strecken stressfrei absolvieren.

Für unsere nächste Etappe erhöhen wir die Geschwindigkeit auf bis zu 160 km/h, schließlich gilt es nur 200 Kilometer bis zur nächsten Ladesäule zu absolvieren. Der kombinierte Verbrauch liegt entsprechend nach 500 Kilometern bei 27,8 kWh/100 Kilometer. Kein rekordverdächtig niedriger Wert, aber für ein Fahrzeug dieser Größe durchaus annehmbar. Natürlich lässt sich der Verbrauch mit entsprechend hohem Tempo auch weiter in die Höhe treiben. Doch selbst auf dem Rückweg mit hohem Anteil Tempo 160 haben wir trotz Winterreifen und Temperaturen um den Gefrierpunkt kaum mehr als 30kWh/100km verbraucht. Somit sind auch hier Reichweiten von etwa 350 Kilometern möglich.

Audi Q8 e-tron: In Schlagdistanz zur (deutschen) Premiumkonkurrenz

Mit der Modellpflege bringt Audi den Q8 e-tron in Schlagweite zur deutschen Konkurrenz alias BMW iX und Mercedes-Benz EQE. Während der Audi bei der Innenraumqualität auf Höhe mit der Konkurrenz ist, muss er beim Thema Software, insbesondere Ladeplanung, aber abreißen lassen. Nichtsdestotrotz ist der Q8 e-tron dank toller Geräuschdämmung und komfortablem Fahrwerk ein sehr gutes Reiseauto mit einer guten Reichweite. Übrigens: Vorausschauend der Landstraße bewegt konnten wir den Verbrauch bis auf 22 kWh/100km drücken. Mit Sommerreifen sollten damit – vorsichtig gefahren –  Reichweiten von über 500 Kilometer machbar sein.
Preislich startet der Q8 e-tron aktuell bei 75.900€ (advanced 50 e-tron). Unser vernünftig, aber nicht voll ausgestatter Testwagen ‘advanced 55 e-tron’ schlägt dagegen mit gut 112.000€ zu Buche.

Hier gibt es abschließend die Konfiguration unseres Testwagens als PDF.

Technische Daten Audi Q8 advanced 55 e-tron quattro

Länge x Breite x Höhe4,92m x 1,94m x 1,63m
Kofferraumvolumen569-1637L + 62L Frunk
Leergewicht (DIN)2585kg
Leistung300kW / 408PS
Drehmoment664Nm
Höchstgeschwindigkeit200km/h (elektronisch begrenzt)
Beschleunigung 0-100km/h5,6s
Maximale Ladeleistung (DC)170kW
Maximale Ladeleistung (AC)11kW / optional 22kW
Ladezeit (DC, 10%-80%)31 Minuten
Verbrauch WLTP / Test22,7kWh/100km / 22-31kWh/100km
Preis Basis / Testwagen87.300€ / 112.635€

Über den Autor

Jonas Braunersreuther

Autor Jonas Braunersreuther interessiert sich von Kindesbeinen an für sportliche Autos und Zweiräder sowie neue Entwicklungen auf dem Automobilmarkt.

Kommentieren...

Mit dem Absenden des Kommentars übermittelten Sie uns Ihren Namen, Ihre E-Mail-Adresse, Ihre IP-Adresse, Ihre URL (sofern angegeben) und Ihren Kommentartext. Gleichzeitig stimmen Sie ausdrücklich der Speicherung und der Veröffentlichung des Kommentars zu. Die Veröffentlichung erfolgt ohne E-Mail- und IP-Adresse. Diese Daten dienen dem Schutz vor Missbrauch der Kommentarfunktion (SPAM) und werden anschließend automatisch gelöscht. Wir behalten uns vor, Kommentare ohne Angabe von Gründen nicht zu veröffentlichen.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.