Probefahrt: Mit dem Seat Leon FR durch die Alpen

seat leon fr panorama gardasee

Schicke Autos haben ansehnliche Locations für Fotos verdient. Viel zu oft fehlt entweder die Zeit oder eben ein passender Ort, um angemessene Fahrzeugaufnahmen zu machen. Mit dem neuen Seat Leon ging es, passend zum sportlich abgestimmten Modell FR, viele Kilometer durch die Alpen und über Passstraßen: Eine Probefahrt über das Timmelsjoch und die Monte Baldo Höhenstraße.

Linienführung: Endlich dynamisch

Endlich lässt Seat von den runden Formen am Leon ab. Bei der aktuellen Generation ist das Design wesentlich kantiger und schärfer geworden. In der Farbe Rot sieht er nach meinem Geschmack zwar noch wesentlich besser aus als in dem von mir vorgestellten Nevada Weiß, dafür ergab sich aber ein schöner Kontrast zu den abgedunkelten Seitenscheiben und den seitlich um die Ecke geführten dunkelroten Heckleuchten. Highlights am Exterieur sind für mich das Licht-Design, dazu gehören in erster Linie die Voll-LED (!) Scheinwerfer vorne sowie deren „gezacktes“ Tagfahrlicht und die extrem coolen, schmalen LED Bänder in den Heckleuchten. Ein Hingucker sind auch die 18 Zoll Alufelgen, besonders deren einzelne dünnere Speichen, die aufgrund ihrer nach innen versetzten Anordnung Licht-technisch so aussehen, als wären sie wie die Außenspiegel grau lackiert. Sehr heiß. Serienmäßig ist der Leon ein 4-türer, seit Kurzem ist er in der Version „SC“ auch als 2-türiges Sportcoupé erhältlich. Auf der IAA 2013 wird der Seat Leon ST (Kombi) seine Premiere feiern.

seat leon fr heck weiß

Spannend zu beobachten und zu entdecken sind beim Leon die „Unterschiede“ zu seinen Verwandten innerhalb der VWAG, in diesem Fall dem Audi A3 und VW Golf. Vieles ist genau so gut umgesetzt wie in den entsprechenden Fahrzeugen, nur an wenigen Ecken wurde scheinbar gespart. Beim Seat Leon merkt man stark, dass es eigentlich keine Unterschiede gibt, es aber wegen der verschiedenen Preis- und auch Zielgruppen welche gemacht werden mussten. Nur ein paar Beispiele: Das Bedienungsschema des Multifunktionslenkrads ist nahezu übereinstimmend mit Golf und A3. Die Wählrädchen sind beim Seat minimal günstiger ausgefallen, das ist im Alltag ist aber nicht wirklich spürbar. Die Einheit für Schiebedach und Leseleuchten vorne im Dachhimmel ist identisch mit dem VW Golf. Ebenso der Schalter für das Fahrlicht und die Hebel für Blinker und Scheibenwischer. Die schicken LED Leuchtpunkte im Kombiinstrument, die Kühlwassertemperatur und Tankstand anzeigen, sehen nahezu wie im Audi A3 aus. Auch das Infotainmentsystem ist in Sachen Bedienung und Design an den A3 angelehnt. Natürlich wird es „nur“ über den (5,8 Zoll) Touchscreen gesteuert, Schnelligkeit und Zuverlässigkeit sowie Routendarstellung sind qualitativ aber sehr hochwertig. Auch beim Leon werkelt die Technikeinheit des Navi im Handschuhfach, die 2 SD Slots und ein CD-Fach beinhaltet. Witzig ist beim Navigationssystem der Näherungssensor. Bewegt man seine Hand auf den Touchscreen zu, werden z.B. auf der Navikarte Menüpunkte eingeblendet, die sonst während der Fahrt nicht erscheinen um der Karte mehr Platz zu bieten. Über eine Taste in der Mittelkonsole kann das sog. „Seat Drive Profile“ auswählen, es stehen die Fahrmodi Sport/Normal/Eco zur Verfügung, die Gasannahme und Lenkung variieren. Im Modus „Sport“ wechselt die hübsche, weiße Ambientebeleuchtung oberhalb der Armauflagen in den Türen in ein dynamisches Rot.

seat leon fr multifunktionslenkrad

Fakten zum Testwagen

  • Seat Leon FR 2.0 TDI CR Ecomotive (110 KW) (150 PS)
  • 0-100 km/h: 8,4 Sek., Vmax: 215 km/h, Drehmoment: 320 Nm
  • Verbrauch: (angegeben) 4,1 Liter
  • Testwagenpreis: 32.028 EUR

Als wir Innsbruck passieren, zeigt der Borcomputer eine Außentempatur von feurigen 35 Grad an. Im Innenraum ist es gut 10 Grad Kälter, die 2-Zonen Klimaautomatik hält trotz intensiver Sonneneinstrahlung die Temperatur perfekt und arbeitet absolut zugfrei. Die klassischen Dreh- und Schwenkbaren Luftauslässe lassen eine optimale Luftverteilung zu. Kommt man dennoch ins Frieren, kann man über das Infotaimentsystem sogar noch zwischen den Klimaprofilen „Sanft“, „Intensiv“ und „mittel“ wählen. Ist das noch die günstige Kompaktklasse? RTL 102,5, mein in Italien meistens gehörter Sender, klingt über das 290 EUR teure „Seat Sound System“ perfekt. 10 Lautsprecher inkl. Subwoofer sorgen für eine tolle Soundkulisse.

timmelsjoch südrampe

Blick auf die Südrampe des Timmelsjochs

Fährt man nun vor den Alpen ein Stück Richtung Westen und dann in den Süden nach Sölden, beginnt relativ kurz danach das bekannte Timmelsjoch, mit einer max. Höhe von 2474 Metern einer der höchsten befahrbaren europäischen Alpenpässe. Die gut 15 Kilometer lange Hochalpenstraße ist von Mitte Juni bis Mitte Oktober von 7 bis 20 Uhr geöffnet.  Schon bei der Mautstation auf Höhe des Ortes Hochgurgl bietet sich ein traumhafter Panoramablick über die Berge.  Am Mittag ist trotz des ersten Ferientages in Bayern wenig auf der Strecke los, die Kurven lassen sich deshalb mangels Gegenverkehr etwas dynamischer befahren. Mit dem Drive Profile auf Sport natürlich, die Lenkung wird dann etwas „schwergängiger“ und der Motor spricht auf Gasbefehle etwas empfindlicher an. Die 18 Zoll Reifen der Dimension 225/40 erlauben teilweise rasante Kurvenfahrten und sorgen für eine absolut gute Stabilität. In schnellen engen Kurven gerät man da nur schwer ins Rutschen. Die Abstimmung des Fahrwerks des FR Modells mit serienmäßigem Sportfahrwerk kommt dem Audi A3 Ambition nahe, tendenziell ist es aber ein wenig komfortabler als sportlich. Vom Gefühl her fährt sich der Seat Leon FR insgesamt etwas „einfacher“, „dünner“ an als seine höherpreisigen Konzerngeschwister. Die Lenkung gibt etwas weniger Feedback, unabhängig vom gewählten Fahrmodus, der 2 Liter Diesel arbeitet ein bisschen lauter – ganz einfach weil hier weniger Wert auf die Schallisolierung gelegt wurde. In keiner Weise ist das aber störend – für den je nach Ausstattung deutlich geringeren zu den Premium-Konkurrenten eigentlich unverhältnismäßig hochwertig.

seat leon fr cockpit leder

Auf einer Etappe auf der Brennerautobahn konnte der 2.0 TDI sein volles Sparpotenzial entfalten. Hier herrscht ein permanentes Tempolimit von 110 km/h, die wohl optimale Geschwindigkeit effizient mit ihm unterwegs zu sein. Beim Verbrauch macht den VW/Seat Motoren 1.6 TDI und meinem 2.0 TDI 150 PS im Leon ohnehin derzeit keiner so richtig was vor. Hand-geschalten lässt sich allzeit, gerne auch in der Stadt, in (sehr) hohen Gängen fahren und der Verbrauch sich damit noch mehr drücken. 5.4 Liter/100 km über 2.500 Kilometer waren mein berechneter Verbrauch, dazu muss ich sagen, dass ich passend zur Sportversion auch wirklich oft dynamisch unterwegs war. Auf Dauer die 5 Liter Marke zu unterbieten sind bei moderater Fahrweise auf jeden Fall drin. Nach meiner Erfahrung oder Fahrweise bietet der 2 Liter Motor hier noch ein kleines bisschen mehr Effizienzpotential als der Downsizing 1.6er Diesel, so treibt es beim größeren Diesel auch bei Autobahngeschwindigkeiten im Bereich von 130-150 km/h den Verbrauch nur geringfügig mehr in die Höhe als beim 1.6er, dessen gut 40 PS weniger außerdem häufig deutlich spürbar sind.

Besonders beeindruckend ist der Blick auf die Südrampe des „Passo Rombo“, die in zahlreichen Serpentinen ins Tal führt. Direkt an der Strecke gibt es etliche Anhaltemöglichkeiten um das Bergambiente zu genießen oder eben sein Auto zu fotografieren…

seat leon fr  timmelsjoch front

seat leon timmelsjoch

Wo man das Timmelsjoch aufgrund der angenehmen Spurbreite auch mit Gegenverkehr noch gut befahren kann, geht es auf der knapp 60 Kilometer langen Monte Baldo Höhenstraße, auf italienisch „Strada Panoramica del Monte Baldo“ etwas spektakulärer zu. Hat man die ersten steilen Kehren von der Stadt Caprino kommend gemeistert, führt die Strecke abwechselnd frei und durch den Wald am Monte Baldo, der sich östlich am Gardasee anschließt, entlang. Der Zustand des Asphahlts ist durchgehend einwandfrei, brenzlig kann es aber auf der teils extrem schmalen Spur durch Waldstücke werden. In Fahrtrichtung Norden fährt man dazu noch auf der Seite, die nach 3 Zentimeter nach der weißen Spurmarkierung einfach in die Tiefe in den Wald führt – Leitplanken gibt es meistens nicht. Taucht Gegenverkehr auf, gerne auch ein italienischer SUV mit Anhänger, muss in ungünstigen Fällen relativ weit bis zu einer Ausweichstelle zurückgefahren werden. Dafür gibt es auch hier regelmäßig tolle Ausblicke und Panorama-Anhaltemöglichkeiten.

Blick vom Monte Baldo auf die Nordhälfte des Gardasees.

Blick vom Monte Baldo auf die Nordhälfte des Gardasees.

Komfortfunktionen und Fahrassistenz

Der Seat Leon bringt an Komfortfunktionen mittlerweile ebenfalls viele Kleinigkeiten mit, die den Alltag angenehmer machen. So erkennt die PDC beispielsweise, dass man sich nach einer Geradeausfahrt auf einem Parkplatz befindet und gibt dann Bescheid, wie viel Platz vorne noch bleibt (ohne vorher den Rückwärtsgang benutzt zu haben!) Legt man zum Rangieren den Rückwärtsgang ein, wird der Außenspiegel der Beifahrerseite automatisch ein Stück nach unten gefahren. Ein kleines Feature, das ich mir schon lange in der Kompaktklasse als Serie gewünscht hatte. Alle Helferlein sind natürlich über das Auto-Setup im Infotainmentsystem deaktivierbar. Der Tempomat lässt sich komfortabel mit einem eigenen kleinen Hebel unterhalb des Blinkers auf den km/h einstellen und zeigt die Set-Geschwindigkeit auch im farbigen, übersichtlichen Bordcomputer an. Die Leuchtweite der Voll LED Scheinwerfer ist tendenziell tatsächlich etwas weiter als bei den meisten Xenonscheinwerfern, super ist, dass die Ausleuchtung an nahezu allen Stellen gleich hell ist. Das Licht wirkt außerdem LED-typisch etwas kühler. Das Switchen aufs Fernlicht (auch LED) geht weich und angenehm von statten, hierfür fährt sozusagen das LED-Fernlicht von unten in den Lichtkegel. Wer 999 EUR übrig hat, sollte diese auf jeden Fall investieren, zumal zu den LED Frontscheinwerfern auch die Heckleuchten mit LED Bändern gehören.

seat leon voll led scheinwerfer tagfahrlicht

LED Scheinwerfer: Abblendlicht. Der Blinker mittig oben, unten links die LEDs für das Fernlicht.

Bemerkenswertestes Assistenzsystem ist im Seat Leon der (aktive) Spurhalteassistent. Ist er aktiviert, unterstützt er den Fahrer ab Geschwindigkeiten von 60 km/h permanent beim Lenken. Das Fahrspursymbol wechselt von Orange auf Grün, wenn Spuren erkannt werden und aktiv gelenkt werden kann. Das System kann nahezu alle Spurarten und -Farben erkennen. Komplett autonom lenken ist für etwa 10 Sekunden möglich, dann Schaltet sich der Assistent nach einer Warnung ab, man möchte doch bitte die Lenkung übernehmen. Bewegt man das Lenkrad dann kurz 1-2 Millimeter, ist die Geisterhand wieder bereit, den Leon zu Lenken. Steilere Kurven kann der Lenkassistent nicht bewältigen.  Wenn man den Assi einige Tage auf Autobahnfahrten ausprobiert, bekommt man ein Gefühl dafür, wann die Kurven zu extrem sind um das Lenkrad alleine zu lassen. Grundsätzlich gilt wie immer: Das System soll unterstützen und nicht ersetzten. Versucht man die (Autobahn-)Spur zu wechseln, ohne geblinkt zu haben, spürt man ein leichtes Gegenlenken des Systems, wird aber nicht behindert „gewollt“, die Spur zu wechseln.

Der Spurhalteassistent des Seat Leon geht überraschender Weise über den Funktionsumfang des Active Lane Assist des neuen Audi A3 hinaus. Der Assistent des Audi A3 wirkt zwar konstant mehr unterstützend, das System des Seat Leon kann aber bei den Lenkeingriffen etwas mehr punkten. So fuhr der Leon auch engere Landstraßen- und Autobahnkurven selbst, bei denen der wenige Tage zuvor getestete Audi A3 lieber das Lenkrad vibrieren ließ und die Markierung überfuhr.

seat leon fr außenspiegel unscharf

Insgesamt überzeugt der Seat Leon FR auf ganzer Linie. Er hätte beste Chancen, „mein“ neuer A3 zu werden. Das Kürzel „FR“ für Formula Racing ist nicht nur aufs Heck geklebt, sondern steht durchaus für Fahrspaß, sicherlich erst recht mit den turboaufgeladenen Benzinmotoren. Seit der Überwindung von Seats „rundem“ Design ist er eindeutig auch der schönere Golf. Lediglich die Materialwahl im Innenraum lässt  an manchen Stellen bei genauem Hinsehen einen Schluss auf den günstigeren Preis zu. Sehr viel Freude bereitet der „Klassiker“, der 2.0 Diesel mit 150 PS. Im Alltag ist er nie zu schwach, bei moderater Fahrweise sind unter 5 Liter auf 100/km kombiniert möglich. Bei völlig unmenschlichen Fahrgewohnheiten und permanenten Beschleunigungen lässt der Verbrauch sich dennoch nicht über etwa 7,5 Liter bewegen. Beeindruckend, um am besten mit dem manuellen 6-Gang Schaltgetriebe zu bewerkstelligen. Eine Empfehlung von meiner Seite sind die Voll-LED Scheinwerfer und der aktive Spurassistent, letzterer kostet zusammen mit dem Fernlichtassistent nur 300 EUR. Sparen würde ich lieber an der Lederausstattung.

Seat Leon im Test bei anderen Bloggern

Autophorie.de hat den Leon FR mit dem 1.4 TSI (122 PS) Motor getestet, rad-ab.com hatte den Leon FR als 1.8 TSI mit 180 PS und DSG im Test. Newcarz hat das selbe Modell wie ich (2.0 TDI) vorgestellt.

Testwagen Galerie

Technische Daten & Ausstattungsdetails

SEAT Leon FR 2.0 TDI CR Ecomotive (110 KW) (150 PS) 1968 ccm

Leistung/Drehmoment: 150 PS (110kW) / 320 Nm
Getriebe: 6-Gang Schaltgetriebe
Antrieb: Vorderradantrieb
0-100 km/h: 8,4 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit: 215 km/h
Leergewicht: 1300 Kg
Gepäckraum-Volumen: 380 / 1210 l

Testverbrauch: 5,4 Liter / 100 Km (Bordcomputer)
Gefahrene Kilometer: 2.500
Grundpreis: 25.790 EUR
Testwagenpreis: 32.025 EUR
Sonderausstattung (Auszug): SEAT Sound System, Panorama-Glas-Schiebedach, Fahrassistenz-Paket, Comfort-Paket II (u.a. Regensensor, Innenspiegel automatisch abblendend), Müdigkeitserkennung, 3 Sicherheitsgurtwarner hinten.

Text: Matthias Luft, Fotos: Anja Hager, Matthias Luft